
„Hier werde ich so genommen, wie ich bin“
Special Olympics im Saarland: Mehr als 4000 Athleten zeigen ihr sportliches Können, treffen Freunde und setzen ein klares Zeichen für gesellschaftliche Teilhabe.
Stolz steigt Marvin Schneider nach der Siegerehrung vom Podest und zeigt seine Silber-Medaille. 1,32 Meter ist der 29-Jährige aus Hamburg im Stadion am Kieselhumes in Saarbrücken aus dem Stand gesprungen – obwohl seine Sehkraft nur noch fünf Prozent beträgt. „Das war eine gute Leistung, ich bin stolz und motiviert für die nächsten Special Olympics“, sagt Marvin, der schon das dritte Mal mitmacht und mit fünf weiteren Athleten angereist ist - sie trainieren alle im selben Verein.

„Es ist toll, Teil eines so großen Events zu sein. Hier ist jeder anders, und es ist okay. Die Special Olympics sind sehr wichtig für mehr Inklusion und Sichtbarkeit, um zu zeigen, dass jeder so sein darf wie er ist. Ich werde hier so genommen, wie ich bin. Inklusion heißt für mich, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam antreten, in gemischten Teams“, sagt Marvin, der in einem Inklusionsbetrieb arbeitet und alleine wohnt. „Inklusion macht gesünder, man ist besser drauf, weil man gefordert wird. Sport ist mir wichtig, weil er mir Freiheit gibt und ich vom Alltag abschalten kann.“ Auch vom Saarland ist er begeistert. „Hut ab, dass so ein kleines Land so ein großes Event auf die Beine stellt und dann noch grenzüberschreitend.“
Auch Yannick freut sich über seinen fünften Platz im Mini-Speerwurf. Nach der Siegerehrung wird der 29-Jährige von dutzenden Freunden umringt und umarmt. Sie tragen grüne T-Shirts mit der Aufschrift „46plus“, einer Initiative, die von Eltern mit Down-Syndrom-Kindern vor 23 Jahren in Stuttgart gegründet wurde. 24 Athleten sind mit einem Bus zu den Nationalen Spielen ins Saarland gekommen. Der Verein bietet neben Informationen und Austausch auch gemeinsame Freizeit und Sport an. „Darüber sind wir sehr froh, denn ohne den Verein würde Yannick keinen Sport machen“, sagt seine Mutter Petra Hauser, die Mitglied im Vorstand ist. Außerdem seien viele Freundschaften entstanden, sogar Pärchen hätten sich gefunden. Um Berührungsängste abzubauen, hat der Verein ein „Espressomobil“ angeschafft: Ein umgebauter Piaggio Porter dient als rollende Espressobar, bei der junge Menschen mit Down-Syndrom als Baristas arbeiten.

Auf der Tribüne wartet Svenja Schwarz, die wir schon bei den Landesspielen im September getroffen hatten, aufgeregt auf ihren Start beim 1500-Lauf. Am Abend wird sie bei Temperaturen über 30 Grad beim 5000 Meter-Lauf starten. Die 35-Jährige aus Oberursel hat jeden Tag „sehr hart trainiert“, sich richtig gut vorbereitet und freut sich darauf, „zu zeigen, was ich kann“. Unterstützt wird sie von ihrer ganzen Familie, die 2011 zu den Special Olympics kam.

Ihre Schwester Antje arbeitet sogar in der Bundesgeschäftsstelle von Special Olympics Deutschland (SOD) in Berlin für die Organisationsentwicklung und beschäftigt sich mit der Frage, durch welche Angebote mehr Teilhabe vor Ort umgesetzt werden kann. „Es ist richtig toll, so viele bekannte Gesichter zu sehen, Freunde wieder zu treffen“, sagt Svenja. „Das ist es, was die Athleten hier so genießen“, wirft eine Trainerin aus Bayern ein.
Das kann Daniel Sträßer bestätigen, den wir in der Joachim-Deckarm-Halle in Saarbrücken treffen. Sträßer ist seit den Anfängen von Special Olympics Saarland (SOSL) dabei, war fast ein Jahrzehnt Athletensprecher und hat seit 2008 etliche Medaillen gesammelt. Als Dienstältester im Landesverband, wie er sich selbst bezeichnet, sind die Special Olympics für ihn wie „ein altes Klassentreffen“. „Ich kenne viele Leute und habe Freunde in der ganzen Welt. Das ist ein großes Netzwerk.“ Dass die Nationalen Spiele erstmalig im Saarland finden, ist für den 35-Jährigen aus Rohrbach ein „Heimspiel“. Zum Sport, der für ihn Ausgleich zur Arbeit ist, kam Daniel über seine Schule. Jahrelang trainierte er Leichtathletik und spielte leidenschaftlich Basketball. Wegen einer Verletzung wechselte er zum Präzisionssport Boccia.
Begeistert ist Sträßer vom Gesundheitsprogramm „Healthy Athletes“, das bei den Special Olympics seit 2004 angeboten wird. Es bietet den Sportlern Untersuchungen und Beratungen in sieben Kernbereichen – von Augen- und Zahnheilkunde über Fußgesundheit und Fitness bis hin zu Gehör- und mentaler Gesundheit –, um bestehende Defizite in der medizinischen Regelversorgung gezielt auszugleichen. Im Bereich Zahngesundheit war das Saarland Vorreiter, wie Sträßer erinnert. 2015 war es das erste Bundesland, in dem eine Kooperation zwischen der Zahnärztekammer und Special Olympics geschlossen wurde, um die Zahngesundheit bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung zu verbessern.
Durch seine jahrelange Erfahrung in der Verbandsarbeit weiß Daniel Sträßer: „Special Olympics ist Inklusion pur und hat uns zahlreiche Türen geöffnet, etwa von Ministerien.“ Er wünscht sich, dass „die politischen Parteien uns endlich anerkennen, Barrieren abgeschafft und wir nicht ausgegrenzt werden.“ Kritik äußert er am Bundesteilhabegesetz, durch das er sich finanziell schlechter gestellt sieht, und dass in Werkstätten für behinderte Menschen kein Mindestlohn gezahlt wird.

In der Joachim-Deckarm-Halle treffen wir zudem Karin Zimmer und Renate Stadtfeld, zwei von über 3000 freiwilligen Helfern in roten T-Shirts. Beide sind aus dem Saarland und Ansprechpartnerinnen für Barrierefreiheit an drei Sportstätten. „Die Stimmung ist super, die Leute haben Spaß. Es ist toll, Teil des Ganzen zu sein und etwas für einen guten Zweck zu tun“, sagt Karin Zimmer, die aus Saarlouis angereist ist.
In Sachen Barrierefreiheit haben die beiden erfahren, dass es noch erheblichen Nachholbedarf im Saarland gibt. So mussten wegen fehlender barrierefreier WCs an einigen Sportstätten mobile Toiletten-Container eingesetzt werden. Da es am Stadion am Kieselhumes keine fest installierte Pflegeliege gab, hätten Erwachsene mit schweren oder mehrfachen Behinderungen im umfunktionierten Ruheraum auf dem Boden gewickelt werden müssen. Die Joachim-Deckarm-Halle ist zwar barrierefrei zugänglich, nicht aber die Tribüne, wie ein Rollstuhlfahrer kritisierte. Und bei der Eröffnungsfeier am Ludwigsparkstadion sei unter anderem die saarländische Delegation räumlich getrennt worden, weil Rollstuhlfahrer nur unten am Spielfeldrand oder auf einer zugewiesenen Fläche an der Nordtribüne zusehen konnten.
Special Olympics im Saarland
Bei den Nationalen Spielen hat das Saarland vom 15. bis 20. Juni rund 4300 Athleten aus Deutschland und anderen Ländern empfangen, die in 27 Sportarten an mehr als 20 Sportstätten im Saarland sowie im französischen Forbach an den Start gingen. Insgesamt waren rund 13.000 Menschen beteiligt, darunter etwa 3000 Freiwillige. Die Special Olympics sind die größte Sportveranstaltung für Menschen mit geistigen Behinderungen, dazu zählen auch Lernbehinderungen, Entwicklungsverzögerungen Autismus oder schwerst-mehrfach Behinderungen. Sie finden alle zwei Jahre statt – einmal als Sommer- und einmal als Winterspiele.

