Kategorie Behinderung

„Sport gibt mir Freiheit“

Von: Maria Wimmer

Tim Theobald ist einer von fünf Athletensprechern des saarländischen Athletenrats. Warum Sport für Menschen mit geistigen Behinderungen wichtig ist und was für ihn Inklusion bedeutet, darüber spricht er im Interview. 

Tim Theobald bei einer Siegerehrung bei den saarländischen Landesspielen, die im September stattfanden. Für seinen Wurf von 9,9 Metern im Kugelstoßen gab es für ihn eine Goldmedaille. © Special Olypmics Saarland

Ob Laufen oder Fußball – Sport ist für Tim Theobald ein Ventil. Der 25-Jährige hat eine Lernschwäche und ADHS, eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, so dass es ihm manchmal schwerfällt, seine Gefühle zu kontrollieren. „Sport ist das einzige, was mich wirklich runterbringt. Bewegung gibt mir Freiheit, macht mir Freude und hilft mir auch, mein Gewicht unter Kontrolle zu halten“, sagt Theobald. Er ist einer von fünf Sprechern des saarländischen Athletenrats und dadurch in die Vorbereitung der Nationalen Spiele der Special Olympics, die im Juni im Saarland stattfinden, involviert. 

Mehrere Goldmedaillen

Für das Interview hat sich Theobald von seiner Arbeit freistellen lassen. Der 26-Jährige ist in einer Werkstatt für behinderte Menschen in einem Team für die Zusammensetzung von Hydraulik-Ventilen zuständig; bis zu 600 Ventile bauen sie an einem Tag zusammen. Durch seine Lernschwäche hat er erst mit 16 Jahren lesen und schreiben gelernt, kommt aber inzwischen gut zurecht. Er hat sich verlobt und wohnt in einer eigenen Wohnung.

Auch in seinem Arbeitsalltag ist Tim Theobald Sport wichtig. Über die Werkstatt hat er die Möglichkeit, zwei Sportkurse zu wählen: Er hat sich für Dart und Fußball entschieden. Weitere Angebote sind Leichtathletik, Klettern, Tischtennis, Tanzen und Boccia. Auch die Förderschule, die er davor besucht hat, hatte Fußball, Leichtathletik und schwimmen im Angebot. Zudem war die Schule Mitglied im Verband Special Olympics Saarland (SOSL), so dass Theobald schon früh bei Special Olympics dabei war, unter anderem in Speyer 2015, im Saarland 2017 sowie 2025 und in Berlin 2022. Dabei hat er mehrere Goldmedaillen in Leichtathletik, Fußball und Kugelstoßen gewonnen. Theobald ist außerdem Mitglied im Special Olympics Saarland Sportverein, der rund 2500 Mitglieder hat – Tendenz durch das anstehende Großereignis steigend. 

Darüber hinaus klärt der Verband an Schulen über die Special Olympics auf – eine Aufgabe, die auch Tim Theobald Spaß macht, wie die ganze Arbeit im Athletenrat. Ob Interviews, Schulungen oder Fachausschüsse – der Athletenrat hat derzeit viel zu tun. Die fünf Mitglieder vertreten die Anliegen aller Athleten gegenüber dem Verband und wirken als beratende und oft auch stimmberechtigte Mitglieder in Gremien mit. Selbstvertretung, Mitbestimmung und aktive Beteiligung sind Teil der Philosophie der Special Olympics. „Wie soll die Eröffnungsfeier ablaufen oder wie sollen Plakate aussehen; bei vielen wichtigen Fragen können wir mitentscheiden, worüber ich sehr froh bin“, sagt Tim Theobald. 

Teilnahme bei Special Olympics im Saarland

Dass sich bei den Special Olympics Menschen mit und ohne Behinderung auf Augenhöhe begegnen und zusammenarbeiten, findet er gut. „Inklusion ist mir sehr wichtig. Leider sind wir in Deutschland hier noch nicht sehr weit. Viele wissen nicht, wie es ist, mit Menschen mit Handicaps zu arbeiten und wie sie mit ihnen umgehen sollen. Sie wissen auch nicht, was Menschen mit Beeinträchtigung für Probleme im Alltag haben. Außerdem traut ihnen die Gesellschaft zu wenig zu“, findet Theobald. In seiner Freizeit singt er gerne und hat über die Musik Kontakte mit Menschen, „die Inklusion leben“, etwa beim inklusiven Songcontest „Einklang“ in Dillingen. „Ich werde genommen, wie ich bin. Ich habe ein gutes Umfeld und noch keine Diskriminierung erlebt. Darüber bin ich sehr froh.“

Bei den Wettbewerben wird Theobald beim 100-Meter-Lauf in der Leichtathletik, im Staffellauf und beim Kugelstoßen an den Start gehen. Aktuell trainiert er mehrmals pro Woche und hofft, sich für die Weltspiele in Chile 2027 zu qualifizieren. Zudem hat er sich als Volunteer gemeldet, um bei den Wettkämpfen zu unterstützen. Am meisten freut sich Theobald auf die Eröffnungsfeier und darauf, frühere Schulkameraden wiederzusehen. Von den Zuschauern wünscht er sich, dass sie Freude haben – und dass möglichst viele kommen, um die Athleten anzufeuern. 

Special Olympics im Saarland

Die Nationalen Spiele der Special Olympics finden vom 15. bis 20. Juni 2026 im Saarland statt. Es ist das größte inklusive Multisport-Event in Deutschland für Menschen mit geistiger und mehrfacher Beeinträchtigung. Über 4.300 Athleten treten in mehr als 20 Sportarten an. Unterstützt werden sie von rund 2500 Freiwilligen, den „Volunteers“. Die Spiele finden neben dem Sportcampus Saar an etlichen Standorten im ganzen Saarland statt, darunter das Ludwigsparkstadion, die Saarlandhalle, das Stadion Am Kieselhumes, die Sporthallen in Saarlouis, Dillingen und Völklingen sowie das Schwimmbad „Piscine Olympique“ in Forbach.

Inklusiver Sportverein

Der Verband Special Olympics Saarland (SOSL) setzt sich für die Schaffung von Sportangeboten für Menschen mit geistiger Behinderung im Saarland ein und arbeitet dabei eng mit Förderschulen, Vereinen, Werkstätten und Einrichtungen der Eingliederungshilfe zusammen, so dass insgesamt 15 Sportarten zur Verfügung stehen. Sein Ziel ist es, Menschen mit geistiger Beeinträchtigung die Möglichkeit zu geben, Sport zu treiben und an Wettbewerben teilzunehmen. Zudem organisiert der Verband Aktionstage und bietet über den 2018 gegründeten Special Olympics Sportverein eigene Sportangebote wie Basketball, Fahrradfahren, Boccia oder Leichtathletik sowie eine inklusive Kindersportgruppe und Ferienfreizeiten an. Zudem organisiert der Sportverein Freizeitaktivitäten, unterstützt bei der Anmeldung zu Wettbewerben und bei der Suche nach einer passenden Sportart sowie dem passenden Verein.