
Smarte Helfer im Pflegedschungel
Wo kann Technik helfen, wenn die pflegerische Versorgung an ihre Grenzen kommt? Soziale Robotik und KI waren ein weiterer Schwerpunkt des Landesseniorentages.

Digitale Assistenzsysteme können dabei unterstützen, der drohenden Versorgungslücke durch einen immer stärkeren Personalmangel in der Pflege zu begegnen, machte Ulrich Kreimeyer von der Unternehmensgruppe Liber deutlich, die sich auf KI-gestützte Robotersysteme zur Unterstützung älterer Menschen spezialisiert hat. Als Beispiel nannte Kreimeyer eine alleinlebende, gelähmte Frau, die darauf angewiesen ist, dass ihr ein Getränk gereicht wird – was durch einen Pflegedienst nicht durchgehend geleistet werden kann. Abhilfe könne hier ein Roboterarm schaffen, der ein Trinkgefäß zum Mund führt und der Betroffenen so ein wichtiges Stück Selbstbestimmung im Alltag zurückgibt.
Als weiteres Praxisbeispiel nannte Kreimeyer das SLK-Klinikum in Heilbronn: Dort konnten durch den Einsatz eines autonomen Transportroboters mehr als 680 Medikamententransporte übernommen werden. Das System legte über 165 Kilometer eigenständig zurück – Wegstrecken und Zeit, die nun als wertvolle Zeit für Patienten zur Verfügung stehe.
Assistenzsysteme können zudem in der Prävention helfen – etwa zur Sicherstellung einer korrekten Medikation, deren fehlerhafte Einnahme jährlich hohe Kosten und vermeidbare Krankenhausbehandlungen verursacht sowie zur Vermeidung von Stürzen. Wie bitter nötig diese Technik ist, machte Kreimeyer am Beispiel seines eigenen Onkels deutlich, der nach einem Treppensturz stundenlang unentdeckt blieb und seitdem im Koma liegt. Moderne Sturzsensoren, die die komplette Wohnung kartografieren, verhindern solchen Zeitverlust, indem sie Unfälle sofort melden.
Koordination und Vernetzung
Digitalisierung könne als Werkzeug für eine bessere Kommunikation und Koordination dienen, sei aber nicht die Lösung allein, unterstrich Dr. Florian Fischer vom Bayrischen Zentrum Pflege Digital an der Hochschule Kempten. Koordination bedeute zum Beispiel, einen Überblick über die verschiedenen Akteure im Pflegedschungel zu bekommen und diese miteinander zu vernetzen. Als Praxisbeispiel nannte er die Plattform PIO („Pflege ideal organisiert“) im Landkreis Oberallgäu, die Pflegebedürftige mit ambulanten Pflegediensten zusammenbringt und freie Kapazitäten bündelt und koordiniert. Der Vorteil: Das Pooling läuft automatisch; Pflegebedürftige müssen nicht mehr einzelne Pflegedienste abtelefonieren.
Das Projekt, das im Oberallgäu in Kooperation mit dem Landratsamt und den ambulanten Pflegediensten erprobt wurde, wird wissenschaftlich von der Hochschule Kempten begleitet und könnte langfristig in die Regelversorgung übergehen. Ab 2027 wird die Stadt Kempten als weiterer Partner in das Netzwerk integriert. Das Besondere: Findet eine pflegebedürftige Personen nach 48 Stunden keinen Pflegedienst, wird eine Eskalationsstufe ausgelöst und die Anfrage an den Pflegestützpunkt weitergeleitet, der nach Lösungen sucht. Ein weiterer Vorteil ist laut Fischer die Dokumentation; insbesondere von Versorgungslücken bei niedrigeren Pflegegraden, die für Pflegedienst oft weniger lukrativ seien.
Soziale Roboter in Pflegeheimen
Heiß diskutiert wurde zudem der Einsatz von sozialen Robotern in Pflegeheimen, wie in der Seniorenresidenz Losheim am See, wo der soziale Roboter Victor mit dementen Bewohnern Gespräche führt. „Hier stellt sich immer die Frage, wie viel Robotik die menschliche Würde verträgt und ob alles, was technisch möglich ist, auch sinnvoll ist?“, unterstrich Wolfgang Steiner. Robotik müsse aus Sicht des VdK und der BAGSO dazu führen, die Pflege zu erleichtern, um mehr Zeit für persönliche Zuwendung durch menschliche Pflegekräfte zu haben; diese könne nicht ersetzt werden.
Bei allen Vorteilen, die die Technik bringen kann: „Die tollste Technik nützt nichts, wenn der Großteil der Menschen sie sich nicht leisten kann. Sie muss also auch bezahlbar sein“, so Wolfgang Steiner abschließend.
