„Bewegung ist der Schlüssel“
Wie sich Stürze im Alter effektiv vermeiden lassen: In einem Vortrag klärte der Altersmediziner Karlheinz Schöll über Sturzursachen auf und zeigte, wie Senioren durch gezieltes Training ihre Mobilität verbessern können.

Ein einziger Sturz kann das gesamte Leben verändern. Ab dem 65. Lebensjahr stürzt statistisch gesehen jeder dritte Mensch einmal pro Jahr. Bei der Hälfte der Betroffenen bleibt es nicht dabei: Sie stürzen innerhalb von zwölf Monaten erneut.
In einem packenden Vortrag bei der Frühjahrstagung des Demenz-Vereins in Saarlouis beleuchtete Dr. med. Karlheinz Schöll, Chefarzt der Geriatrie am Caritas-Klinikum Saarbrücken, das Phänomen des sogenannten „Post-Fall-Syndroms“ und zeigte mit praktischen Übungen auf, wie Mobilität und Koordination verbessert werden können.
Unter dem Begriff „Post-Fall-Syndrom“ beschreiben Mediziner eine tiefsitzende Angst vor einem weiteren Sturz, die dazu führt, dass viele Senioren sich im Alltag deutlich weniger bewegen. Genau hier beginnt der Teufelskreis: Durch den Bewegungsmangel schwinden Muskelmasse, Kraft und Gleichgewichtssinn in kürzester Zeit, was das Risiko für den nächsten, oft schwereren Sturz drastisch erhöht. „Nach dem Sturz ist vor dem Sturz – diese These müssen wir verinnerlichen, um sofort gegenzusteuern“, betonte Schöll.
Angst hemmt Bewegung
Jährlich sterben in Deutschland rund 21.000 Menschen infolge eines Sturzes. 96 Prozent davon sind über 60 Jahre alt, 84 Prozent über 74 Jahre. Stürze sind somit die siebthäufigste Todesursache bei Menschen über 65 Jahren und die häufigste nicht-natürliche Todesursache. Zwar führt nur jeder zwanzigste Sturz zu schweren Verletzungen, doch die langfristigen Folgen sind oft Abhängigkeit oder die Einweisung in ein Pflegeheim.
Nur rund ein Drittel der Betroffenen erlangt die grundlegenden Basisaktivitäten (wie selbstständiges Waschen, Ankleiden oder Essen) zurück. Bei komplexeren Alltagsaufgaben sind es noch deutlich weniger. Besonders im Heimbereich ist die Lage brisant: Jeder zweite Bewohner stürzt einmal im Jahr, was das Gesundheitssystem enorme Summen kostet. Aufgrund des erhöhten Risikos für Osteoporose sind Frauen besonders gefährdet, bei einem Sturz Knochenbrüche zu erleiden.
Vorsicht bei Medikation
Die Sturz-Ursachen sind vielfältig. Neben kognitiven Veränderungen wie einer Demenzerkrankung, die das Gefahrenbewusstsein trübt, schränken neurologische Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Paresen (Lähmungen) die Bewegungskontrolle ein. Ebenso riskant sind akute körperliche Schwankungen: Unvorhersehbare Blutzuckerschwankungen bei Diabetes sowie plötzliche Blutdruckschwankungen können Schwächeanfälle auslösen. Unterschätzt werden häufig die Sinnesorgane. Ein eingeschränktes Hörvermögen beeinträchtigt die räumliche Orientierung, während Sehstörungen das Gleichgewicht gefährden können. Vorsicht sei bei Gleitsichtbrillen geboten, da diese die Tiefenwahrnehmung beim Blick nach unten – etwa beim Treppensteigen – vermindern können.
Ein oft unterschätzter Risikofaktor ist die Medikation. Bestimmte Präparate, insbesondere Psychopharmaka, erhöhen die Sturzgefahr drastisch. Anhand des Beispiels eines 97-jährigen Patienten schilderte Schöll, wie eine falsche Einstellung von Bluthochdruckmedikamenten zu fatalem Schwindel führen kann. Beim Aufstehen sackt der Blutdruck rasant ab – der Sturz ist vorprogrammiert. Eine regelmäßige Überprüfung der Medikamente auf sturzfördernde Nebenwirkungen sei daher unabdingbar. Studien zufolge lasse sich das Sturzrisiko durch das Absetzen sturzfördernder Psychopharmaka um 39 Prozent verringern.
Wohnraum im Visier
Zur Sturzprävention, insbesondere nach einem Krankenhausaufenthalt, zählt die Evaluation häuslicher Stolperfallen wie rutschende Badvorleger, lose Teppiche und freiliegende Kabel sowie eine unzureichende Nachtbeleuchtung. Abhilfe bieten etwa fest montierte Geländer und Haltegriffe. Auch die Möblierung spielt eine Rolle: Ist das Sofa zu tief, wird das Aufstehen zur Kraftanstrengung. Zudem muss zwischen den Möbeln ausreichend Platz für Gehhilfen wie einem Rollator vorhanden sein, um nirgends hängenzubleiben.
Das richtige Schuhwerk ist laut Schöll ein weiterer entscheidender Faktor. Es schützt nicht nur vor dem Stolpern über klassische „Schlappen“, sondern dient gezielt der Verbesserung von Balance und Bodenhaftung. Statt starrer Turnschuhsohlen, die den Kontakt zum Untergrund blockieren, seien Barfußschuhe oder Antirutschsocken die bessere Wahl für einen stabilen Stand. Zudem nannte Schöll Hüftprotektoren als wirksames Mittel. Diese seien zwar bei den Betroffenen aufgrund des Tragekomforts oft unbeliebt, hätten aber in Pflegeheimen die Knochenbruchrate bei Stürzen um 60 Prozent verringert.
Als konkretes Praxisbeispiel für effektive Sturzprävention stellte Schöll das „Esslinger Modell“ vor. Schon kleine Übungen wie das Wippen mit den Füßen oder das zehnmalige Stehen auf einem Bein verbessern die Standfestigkeit. Studien zufolge lässt sich das Sturzrisiko durch spezifische Übungsprogramme für Gleichgewicht und Kraft um 29 bis 49 Prozent senken. Bewegung sei der Schlüssel, um Stürze zu vermeiden, und erhöhe zudem die Lebensqualität. Wichtig seien zudem Muskelaufbau, eine regelmäßige Koordinations- und Gangschulung sowie eine kalziumreiche Ernährung zum Schutz vor Osteoporose.
Mobilitätstest
Wie mobil ein älterer Mensch ist, lässt sich durch einen Praxis-Check namens „Timed Up and Go“-Test überprüfen. Dabei sitzt die Person auf einem Stuhl, steht auf, geht drei Meter zu einer Markierung, dreht um und setzt sich wieder hin. Wer dafür weniger als 10 Sekunden benötigt, gilt als sicher mobil. Dauert der Vorgang über 20 Sekunden, liegen funktionelle Einschränkungen vor, die sich schon beim Überqueren einer grünen Fußgängerampel rächen können. Bei mehr als 30 Sekunden ist die Mobilität stark eingeschränkt – hier sind intensive Betreuung und Hilfsmittel dringend ratsam.
