Kategorie Gesundheitsvorsorge

„Die Menschen bewegen sich zu wenig“

Wie entstehen Schlaganfälle und wie können sie verhindert werden? Beim ersten Saarlouiser Schlaganfalltag standen Prävention und Fahreignung im Fokus.

Die häufigste Form eines Schlaganfalls ist der Hirninfarkt, bei dem ein Gefäß im Gehirn verstopft. Seltener ist die Hirnblutung, wie Dr. Andreas Binder in seinem Vortrag erläuterte. © VdK

„Papa, wann ist denn unser Frisörtermin?“, fragt der Sohn von Alexander Guß, Hauptamtsleiter der Stadt Saarlouis, im Supermarkt. Doch sein Vater kann ihm nicht antworten: Das Sprachvermögen hat plötzlich ausgesetzt, und Alexander Guß sieht Doppelbilder. Aus einem normalen Nachmittag wird plötzlich ein medizinischer Notfall. Im Krankenhaus wird eine „TIA“ diagnostiziert. TIA steht für Transitorische Ischämische Attacke und bedeutet, dass eine Arterie im Gehirn vorübergehend verstopft ist. 

Das Ereignis, von dem Guß in seinem Grußwort beim ersten Saarlouiser Schlaganfalltag im September erzählt, ist zwei Jahre her. Guß war damals erst 46 Jahre alt. Mit seiner Erfahrung will er verdeutlichen: Ein Schlaganfall kann jeden treffen, jederzeit, völlig unerwartet. „Ich dachte, mir kann so etwas nicht passieren. Ich wurde eines Besseren belehrt. Es war ein Warnschuss. Mir wurde bewusst, wie wenig man auf sich achtet, wenn der stressige Alltag einen wieder einholt. Mein Appell: Hören Sie auf sich und die Signale Ihres Körpers!“

Jede Sekunde zählt

Bei einem Schlaganfall zählt jede Sekunde: Durch die Durchblutungsstörung wird das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, so dass pro Minute Millionen Nervenzellen absterben können. Wie ein Schlaganfall entsteht und welche Formen es gibt, erklärte Dr. med. Sonja Lallier, leitende Oberärztin der Stroke Unit (Schlaganfall-Einheit) an der Klinik für Neurologie des Marienhaus Klinikums St. Elisabeth Saarlouis, das den Schlaganfalltag zusammen mit dem Demenz-Verein, der Landesfachstelle Demenz und anderen Partnern wie dem VdK ins Leben gerufen hat. 

Ein Schlaganfall ist eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn. Medizinisch wird zwischen zwei Formen unterschieden: In rund 85 Prozent der Fälle wird ein Blutgefäß verstopft. Dabei blockiert ein Blutgerinnsel eine Arterie im Gehirn. Häufige Ursachen sind verkalkte Halsschlagadern (Arteriosklerose) oder verschleppte Gerinnsel aus dem Herzen. Ziel der Behandlung ist es, das Gefäß so schnell wie möglich wieder zu öffnen – entweder durch Medikamente, die das Gerinnsel auflösen (Lysetherapie) oder mechanisch per Katheter (Thrombektomie). 

Die Symptome hängen von der betroffenen Hirnregion ab. Ein Schlaganfall in der linken Gehirnhälfte, die Motorik und Sprachzentrum steuert, äußert sich häufig durch Sprachstörungen und einer Lähmung der rechten Körperseite. Trifft es hingegen die rechte Hirnhälfte, ist primär die linke Körperhälfte von Lähmungen betroffen. 

Hirnblutung seltener als Verstopfung

Bei etwa 15 Prozent der Betroffenen liegt hingegen eine Hirnblutung vor, die durch ein geplatztes oder zerrissenes Gefäß ausgelöst wird, so dass Blut direkt in das Hirngewebe gelangt. Symptome sind in der Regel heftige Kopfschmerzen. Ursache sind häufig jahrelanger Bluthochdruck oder sogenannte „Gefäßblasen“ (Aneurysmen), also krankhafte Erweiterungen von Arterien.

Während bei einer Gefäßverstopfung das Blutgerinnsel sofort aufgelöst werden muss, sind Blutverdünner bei einer Hirnblutung lebensgefährlich. Die richtige Behandlung lässt sich daher erst nach einem Hirn-CTkurz fürComputer-Tomographie einleiten – bei einer Blutung müssen die Ärzte den Blutdruck senken und die Blutgerinnung gezielt fördern.

Acht von zehn Schlaganfällen sind laut der Oberärztin vermeidbar. „Das Hauptproblem liegt ganz klar in unserem Lebensstil: Die Menschen sitzen zu viel und bewegen sich zu wenig.“ An erster Stelle der Risikofaktoren steht laut Lallier mit 74 Prozent Bewegungsmangel, gefolgt von Übergewicht und erhöhten Blutfettwerten mit jeweils 58,5 Prozent. Zudem belasten Bluthochdruck bei 37,5 Prozent und Rauchen bei 26,2 Prozent der Menschen die Gefäße, während Diabetes einen Anteil von 10 Prozent ausmacht. Ein weiterer schwerwiegender Auslöser ist das Vorhofflimmern, eine Herzrhythmusstörung, die das Risiko für Blutgerinnsel massiv erhöht. 

Nicht hinters Steuer

Wann darf man nach einem Schlaganfall wieder hinters Steuer? Darauf ging Dr. Andreas Binder, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Klinikum Saarbrücken, im zweiten Vortrag ein. Bei der Prüfung der Fahreignung gelten bindende Kriterien durch eine Richtlinie der Bundesanstalt für Straßenverkehr. „Ärzte sind hier nur die Überbringer der schlechten Nachricht und haben absolut keinen Ermessensspielraum“, so Binder. Zwar melden Mediziner das Fahrverbot im Regelfall nicht an die Behörden, doch wer sich dennoch ans Steuer setzt, verliert bei einem Unfall jeglichen Versicherungsschutz. Die Richtlinien zur Fahreignung unterscheiden strikt nach Krankheitsbild sowie zwischen Pkwkurz fürPersonenkraftwagen- und Berufskraftfahrern. Die gesetzlichen Fahrpausen für Pkwkurz fürPersonenkraftwagen-Fahrer reichen von einem Monat bei einer vorübergehenden Störung (TIA) über 3 bis 6 Monate nach einem Hirninfarkt bis hin zur dauerhaften Fahruntauglichkeit bei Berufskraftfahrern.

Eine häufige Komplikation sind laut Binder „Frühanfälle“: Bei rund 10 Prozent der Patienten komme es innerhalb der ersten sieben Tage zu einem akutsymptomatischen epileptischen Anfall, was für Pkwkurz fürPersonenkraftwagen-Fahrer ein striktes Fahrverbot von mindestens drei Monaten nach sich zieht. Die Fahrerlaubnis ist hier an eine erneute ärztliche Kontrolle gebunden. 

Wie seine Vorgängerin appellierte Binder, sich mehr zu bewegen. „Prävention durch Bewegung muss ab dem 30. Lebensjahr beginnen. Wenn wir uns erst um unseren Körper kümmern, wenn wir in Rente sind, ist es zu spät!“

Demenz vermeidbar

Im dritten Vortrag schlug Prof. Tobias Hartmann die Brücke zur Demenz. Da ein Schlaganfall durch den akuten Sauerstoffmangel Gehirngewebe nachhaltig schädigt, ist das Risiko für eine sogenannte vaskuläre Demenz massiv erhöht. Zudem teilen sich beide Erkrankungen fast identische Risikofaktoren: Chronischer Bluthochdruck, Verkalkungen der Gefäße, Diabetes und ein ungesunder Lebensstil beschädigen über Jahre hinweg die Blutgefäße im Gehirn. Hartmann, wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Demenzprävention der Universität des Saarlandes, machte klar, dass Demenz nicht heilbar ist, der Fortschritt aber gebremst werden kann. Laut neuester Studienlage seien 45 Prozent aller Demenzfälle prinzipiell vermeidbar, wenn verschiedene Risikofaktoren konsequent minimiert würden. Dazu gehören neben den Gefäßrisiken auch Einflüsse wie Hörverlust, Sehverlust, Depressionen, soziale Isolation und Luftverschmutzung. 

Hartmann machte deutlich, wie massiv sich Lebensstilfaktoren summieren: Wer in der Lebensmitte gleichzeitig an Bluthochdruck und Diabetes leidet sowie raucht, erhöht sein Demenzrisiko um fast das Dreifache. Im Durchschnitt verlieren Betroffene dadurch dramatische 12,6 Jahre an demenzfreier Lebenszeit. Daher gelte es, nicht nur einen, sondern möglichst viele Risikofaktoren gleichzeitig zu reduzieren und vor allem rechtzeitig zu beginnen. „Abwarten ist keine Option. Wenn die Symptome erst einmal da sind, ist eine Intervention zu spät. Dann hilft es nicht mehr, den Blutdruck einzustellen oder die Lyoner wegzulassen – die am besten eine Ausnahme bleiben sollte“, so Hartmann. 

Einstellung des Blutdrucks

Die Einstellung des Blutdrucks sei jedoch eine wichtige Maßnahme in der Prävention. Zwar verringert sich dadurch das Demenzrisiko statistisch nur um 15 Prozent. Da Bluthochdruck aber die häufigste Volkskrankheit darstellt, betrifft der Effekt dennoch etliche Menschen. Eine große Rolle spiele zudem die Ernährung: Eine mediterrane Diät kann das Demenzrisiko nachweislich verringern.

Neben der Antikörpertherapie könne der Fortschritt der Demenz auch durch spezielle medizinische Trinknahrungen gebremst werden. Hartmann verwies zudem auf die finnische FINGER-Studie, bei der die geistige Leistung im Alter durch eine zweijährige kombinierte Intervention aus Ernährungstraining, Sport, sozialer Aktivität sowie der medizinischen Überwachung von Stoffwechsel und Gefäßen stabil halten ließ. Auch Hartmann betonte die Bedeutung von Sport: „Niemand muss für Olympia trainieren, aber man sollte täglich ins Schwitzen kommen.“

Beim Schlaganfalltag ging es nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch die Schaffung von gesellschaftlichem Bewusstsein, wie die VdK-Landesvorsitzende Dagmar Heib unterstrich. „Was wir bei der Demenz schon geschafft haben, muss uns auch hier gelingen: Berührungsängste abbauen. Angehörige leisten Enormes – sie pflegen, trösten und begleiten. Sie brauchen wohnortnahe Beratung, verlässliche Unterstützungsangebote und Entlastung, damit Betroffene möglichst lange selbstbestimmt leben können. Deshalb müssen wir Prävention, Rehabilitation und soziale Teilhabe zusammen denken und ausbauen. Denn eines ist klar: Nötige Hilfe darf nicht vom Wohnort, vom Einkommen oder von der Fähigkeit abhängen, sich im System zurechtzufinden.“

FAST-Test

Zur schnellen Erkennung im Ernstfall dient der FAST-Test. Die Buchstaben stehen für Face (hängender Mundwinkel), Arm (Lähmung beim Vorstrecken der Arme), Speech (lallende oder undeutliche Sprache) und Time (sofortiger Notruf bei mindestens einem Symptom). Es gilt der lebensrettende Grundsatz „Time is brain“ – je schneller die Behandlung beginnt, desto mehr Hirngewebe kann gerettet werden. Jedoch deckt der FAST-Test nicht alle möglichen Symptome ab. Zusätzlich zu den typischen Armlähmungen kann auch das Bein betroffen sein, oder es besteht ein halbseitiges Taubheitsgefühl. Ebenso können Schwindel, Übelkeit und Erbrechen sowie Koordinationsstörungen oder Gang- und Standunfähigkeit auftreten. Auch Sehstörungen oder Doppelbilder sind ernstzunehmende Warnsignale. 

Statistik

Insgesamt treten in Deutschland rund 262.000 Schlaganfälle jährlich auf, wovon 66.000 Wiederholungsfälle sind. 80 Prozent aller Fälle treffen Menschen ab dem 60. Lebensjahr. Durch die steigende Alterung der Bevölkerung wird ein massiver Anstieg der Fallzahlen erwartet: von 262.000 im Jahr 2010 auf voraussichtlich 349.000 Fälle im Jahr 2050. Im Saarland erleiden jährlich rund 4.000 Menschen einen Schlaganfall. Laut AOK-Gesundheitsatlas liegt die Schlaganfall-Häufigkeit mit 2,25 Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt von 1,8 Prozent.