Kategorie Gesundheit Gesundheitssystem

Reformen vom Patienten aus denken

Von: Maria Wimmer

Eine Sektoren-übergreifende Bedarfsplanung und eine bessere Steuerung der Patienten durchs System: Das sind die Kernpunkte des Saarland-Modells, das das Aktionsbündnis Gesundheit in Berlin vorgestellt hat. Der VdK ist Teil des Bündnisses. Landesgeschäftsführer Peter Springborn war als Bündnisvertreter vor Ort. 

Ärzte als Lotsen: Durch ein Primärarztsystem sollen Patienten besser gesteuert werden. © I-Stock

Ein Donnerstagabend im März in der Landesvertretung des Saarlandes in Berlin. Volles Haus. Prominenz aus der bundesdeutschen Gesundheitspolitik auf dem Podium. Das „Aktionsbündnis Gesundheit“ präsentiert seine Vorstellungen, wie das Gesundheitswesen wieder fit gemacht werden kann. Der Kern dabei: Reformen müssen vom Patienten hergedacht werden. 

Die Probleme im Gesundheitssystem sind allgegenwärtig. Im System selbst gärt es schon lange. Mehr und mehr merken auch die Patienten, dass nichts mehr rund läuft. Immer längere Wartezeiten auf einen Termin beim Arzt sind da nur eines der Symptome des kranken Systems. Während die Leistungen gefühlt immer schlechter werden, explodieren die Kosten. Deutschland hat das zweitteuerste Gesundheitswesen der Welt, die messbaren Ergebnisse sind aber nur Mittelmaß. 

Bereits vor zwei Jahren haben sich deshalb wichtige Akteure im Saarland zusammengerauft. Von den Ärzten und Zahnärzten über die Krankenhäuser bis hin zu den Apothekern. Eigentlich widersprechen sich ihre wirtschaftlichen Interessen im System in weiten Teilen. Doch der Druck, den alle empfinden, war so groß, dass man bereit war, aus den üblichen Rollen auszubrechen. Dazu gehört auch, dass der VdK Saarland als Patientenvertretung ebenfalls mit an Bord ist. Ein Novum bei solchen Initiativen, die sonst allzu gerne über, aber nicht mit den Patienten reden. 

Bedarfsanalyse

Nach zwei Jahren mit vielen Diskussionen steht der Plan: Das Aktionsbündnis will zeigen, wie Gesundheitsversorgung besser organisiert werden kann. Im Mittelpunkt dabei zwei große Projekte, nämlich die bessere Führung der Patienten durchs System und eine übergreifende Bedarfsplanung. 

Derzeit wird nämlich in Deutschland nur die Krankenhausversorgung von den Bundesländern geplant. Dazu werden alle paar Jahre eigene Gutachten eingeholt. Für die ambulante Versorgung dagegen haben die Kassenärztlichen Vereinigungen einen so genannten Sicherstellungsauftrag. Dieser orientiert sich an völlig veralteten gesetzlichen Vorgaben. Was wirklich an Versorgung gebraucht wird, weiß niemand, und wenn er es wüsste, dürfte er es wegen der Vorgaben kaum anwenden. 

Das Aktionsbündnis wünscht sich deshalb eine Analyse, mit der der gesamte medizinische Versorgungsbedarf im Saarland überhaupt erst mal ermittelt wird, als Grundlage für eine spätere sinnvolle Planung. Die Landesregierung will das auf den Weg bringen. Schon mal ein erster Erfolg.

Zweiter wesentlicher Baustein ist eine bessere Steuerung des Patienten durchs System. Eigentlich haben wir in Deutschland nämlich genug Ärzte und Krankenhäuser. Aber in Notaufnahmen ebenso wie bei den Fachärzten sitzen zu viele Patienten, die diese Versorgung gar nicht brauchen. So kommt es zum Stau, und im Zweifel dauert es für diejenigen, die wirklich die Behandlung brauchen, zu lange. 

Ersteinschätzung

Ausweg könnte ein so genanntes Primärarzt-Modell sein, wie es auch bundesweit bereits diskutiert wird. Idealerweise setzt es schon vor dem Arztbesuch bei der Terminvereinbarung an, wo über ein standardisiertes Einschätzungssystem – das ist bereits in kleinen Modellprojekten erfolgreich getestet worden – ermittelt wird, wie dinglich ein Problem ist und wo man damit am besten aufgehoben ist. In anderen Ländern wie Dänemark ist so etwas selbstverständlich und funktioniert wunderbar.  Dazu kommen noch weitere Dinge wie beispielsweise die Idee, dass im Notdienst auch der Arzt mal ohne Apotheke ein Medikament abgeben darf ebenso wie der Apotheker bekannten Patienten im Notdienst ausgewählte verschreibungspflichtige Medikamente geben darf. Für die Patienten wäre es ein Segen, die Interessensverbände von Ärzten und Apothekern auf Bundesebene befürchten den Untergang des Abendlands. Aber im Saarland ist man sich einig, dass am Ende alle davon profitieren. 

Auch in Berlin sind die Ideen aus dem Saarland gut angekommen. Im Grundsatz jedenfalls. Denn aus der Erfahrung wissen die Experten, dass so etwas schon wegen der verschiedenen Interessen der Akteure schwer umzusetzen ist. 

Genau deshalb können wir im Saarland punkten. Denn hier sind viele Probleme schon abgeräumt.  Und so könnte man bei uns sehr gut ausprobieren, ob es wirklich klappt. Und wahrscheinlich würden nach zwei oder drei Jahren Modellversuch alle Skeptiker merken, dass ihre Befürchtungen gar nicht eintreten. Das Aktionsbündnis wirbt deshalb weiter für sein „Saarland-Modell“. 

 Peter Springborn

Mitglieder des Aktionsbündnisses Gesundheit sind:

• Apothekerkammer des Saarlandes

• Ärztekammer des Saarlandes

• Ärztekammer des Saarlandes Abt. Zahnärzte

• facharztforum saar

• Kassenärztliche Vereinigung Saarland

• Kassenzahnärztliche Vereinigung Saarland

• Psychotherapeutenkammer des Saarlandes

• Saarländische Krankenhausgesellschaft

• Saarländischer Apothekerverein

• Saarländischer Pflegebeauftragter

• Sozialverband VdK Saarland