„Das ist nicht mein Zimmer!“
Beim saarländischen Modellprojekt „SEBDem“ können Menschen mit Demenz bei einem Krankenhausaufenthalt von vertrauten Betreuungskräften begleitet werden. Das Ziel: Mehr Patientensicherheit und weniger abwehrendes Verhalten.

„Nein, das ist nicht mein Zimmer. Ich wohne nicht hier! Wann kann ich endlich nach Hause?“ Sätze, die Pflegekräfte im Krankenhaus immer häufiger hören. Denn rund zwölf Prozent der Patienten sind laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft von einer Demenz betroffen – Tendenz steigend. Die fremde Umgebung stellt für Demenzerkrankte einen besonders großen Stressfaktor dar, der abwehrendes Verhalten zur Folge haben kann. Um das zu verhindern, wird im Saarland bis 2027 das Modellprojekt „SEBDem“ erprobt.
Es ermöglicht, dass Betreuungskräfte, die Menschen mit Demenz oder kognitiven Einschränkungen zuhause unterstützen, diese beim Klinikaufenthalt begleiten. Das ist bislang aufgrund der sogenannten Sektorengrenze nicht möglich, wonach Pflege- und Krankenversicherung zwei rechtlich getrennte Bereiche sind. Darum auch der Projektname „Sektorenübergreifender Einsatz gewohnter Betreuungskräfte für Demenzkranke“. Es soll herausfinden, ob dadurch herausfordernde Verhaltensweisen reduziert werden können.
Denn diese belasten den Krankenhausalltag und die Pflegekräfte stark, die ein besonderes Auge auf Demenz-Patienten haben müssen, wie Amelie Dincher und Melanie Bülow berichten. Die beiden sind Demenzbeauftragte am CaritasKlinikum auf dem Saarbrücker Rastpfuhl – eine Funktion, die seit Oktober 2025 in jedem Krankenhaus im Saarland verpflichtend ist.
Um Hilfe schreien
„Es gibt Patienten, die schreien 16 von 24 Stunden am Tag Hallo, weil sie nicht wissen, wo sie sind. Andere schreien um Hilfe oder laufen auf der Station herum und suchen ihren Ehepartner, ihr Zimmer oder ihren Geldbeutel. Wenn man nachts nur zu zweit auf der Station ist und eine ist nur damit beschäftigt, hinterherzulaufen, wird es echt schwierig“, sagt Bülow. Damit die Patienten ihr Zimmer wiederfinden, wird die Zimmertür speziell gekennzeichnet – mit einem Bild von einem Herz oder von Blumen, das manche Patienten auch selbst malen. Da Demenz mittlerweile fast alle Bereiche betreffe, gäbe es regemäßig Schulungen für Pflegekräfte.
Weitere Probleme: Patienten mit Demenz entfernen sich Venenzugänge, weil sie die Nadel als Fremdkörper empfinden, oder sie kleiden sich aus und zerreißen die Inkontinenzhose. Auch das Verteilen von Kot könne vorkommen. „Wenn eine bekannte Person dabei ist, sind die Patienten zugänglicher. Wenn sie sich aber wehren und zum Beispiel die Hose nicht wechseln lassen wollen, kostet das doppelt bis drei Mal so viel Zeit“, sagt Bülow. Häufig seien auch nächtliche Unruhe und Stürze, wenn Patienten nachts versuchen, allein auf die Toilette zu gehen. Stürze wiederum führen zu einer längeren Verweildauer, die bei Demenz-Patienten generell höher ist. Besonders schwierig seien stundenlange Wartezeiten in der Notaufnahme – hier wäre die Begleitung von Menschen mit Demenz besonders wichtig, sagt Dincher.
Ständig fremde Menschen
Das findet auch Stefan Breitbach, Demenzbeauftragter am Klinikum Saarbrücken auf dem Winterberg. „Ein Klinikaufenthalt ist für Menschen mit Demenz eine große Belastung, weil die Situation neu und unbekannt ist. Da ist grelles Licht, weiße Wände, neue Gerüche. Gerade bei der Aufnahme stehen viele Untersuchungen an. Da sind ständig fremde Menschen, die etwas von einem wollen“, sagt Breitbach. Darum hofft er sehr, dass die Demenzbetreuung in die Regelversorgung aufgenommen wird.
Denn Patienten, die von einer bekannten Person begleitet werden, seien offener und entspannter. „Da ist jemand, der sie kennt und weiß, was sie oder ihn triggert, der beruhigen kann und die Abläufe erklärt. Der zwischendurch auch mal etwas vorlesen oder an die frische Luft gehen kann“, sagt Breitbach.
Menschen mit Demenz könnten häufig ihre Bedürfnisse nicht ausdrücken oder deutlich machen, dass sie Schmerzen haben, sagt Dr. Sabine Kirchen-Peters, die das Projekt zusammen mit Prof. Dr. Jürgen Stausberg für das Saarbrücker iso-Institut wissenschaftlich betreut. „Im häuslichen Umfeld kommen sie noch zurecht, aber im Krankenhaus ist alles fremd. Sie haben Hunger, Durst oder Schmerzen, können es aber nicht mitteilen. Hier bilden die gewohnten Betreuungskräfte ein Scharnier zum Krankenhaus, weil sie die Person viel besser kennen und verstehen, was sie braucht. Das kann manche Eskalation verhindern.“
Fehlende Tagesstruktur
Denn nicht immer werden Menschen mit Demenz von Angehörigen begleitet, da diese zum Beispiel berufstätig sind, sie von der Einlieferung nichts wussten oder weil sie sich um organisatorische Dinge rund um die Pflege kümmern müssen. Für besonders schwere Fälle von Demenz sei ein Projekt wie SEBDem daher eine besonders wichtige Entlastung, ist Stefan Breitbach überzeugt. Immer größer werde aber auch die Zahl von Patienten, die keine Angehörigen mehr haben, und von Patienten, deren Demenz noch nicht diagnostiziert ist.
Durch die fehlende Tagesstruktur von zuhause kehrt bei einem Klinikaufenthalt schnell Langeweile ein. Hier unterstützt auf dem Winterberg eine „Demenz-Kiste“ mit alten Fotos und Zeitungen, Kuscheltieren und verschiedenen Massagebällen, da das Kneten die Sinne aktiviert und beruhigend wirkt. Die Kiste enthält auch eine „SingLiesel“ – ein Soundbuch mit alten Volksliedern, das für Menschen mit Demenz entwickelt wurde.
Ergänzt wird die Kiste durch eigenes Demenzgeschirr. Es ist rutschfest und an den Rändern rot gefärbt, da diese Farbe im Kontrast zur weißen Innenfläche noch am besten wahrgenommen wird. Das Besteck ist verstärkt, um es besser greifen zu können. Zudem werden kleine Zwischenmahlzeiten als „Finger Food“ geboten, um die Sinne zu beschäftigen. Verlässt ein Demenz-Patient das Zimmer, wird das Pflegepersonal digital darüber informiert. Auch hier werden die Türen gekennzeichnet, etwa durch einen aufgeblasenen Handschuh. In den Zimmern sollen analoge Uhren für zeitliche Orientierung sorgen.
Total verloren
Schulungen seien unerlässlich, um Pflegekräfte auf den Umgang mit Demenz-Patienten und schwierige Verhaltensweisen vorzubereiten. „Aufgrund der demografischen Entwicklung nimmt auch die Demenz immer mehr zu und betrifft im Grunde fast jede Station außer der Geburtshilfe. Ein Krankenhaus kommt daran nicht vorbei“, sagt Stefan Breitbach. Wichtig seien eine einfache Sprache und kurze Sätze mit reduzierter Information, um eine Reizüberflutung und damit Stress zu vermeiden. Und Orientierungshilfen zu geben, etwa bei der Tageszeit. Noch wichtiger aber sei eine Betreuung durch bekannte Menschen, wie beim Projekt SEBDem.
Das bestätigt Florence Kiefer vom Betreuungsdienst „Zwei mit Herz“, der mehrere Patienten begleitet hat. „Man sieht ihre Erleichterung, wenn eine vertraute Person da ist und sie sagen das auch direkt. Die räumliche Veränderung ist für sie ein großes Problem. Man spürt, dass sie total verloren sind und nichts von dem Ärzte-Latein verstehen. Leider werden viele Patienten mit Demenz medikamentös ruhiggestellt, was aber auch nach hinten losgehen kann“, sagt Kiefer. Das Projekt SEBDem sei ein riesiger Mehrwert, vor allem, wenn es keine Angehörigen gibt oder diese zu weit weg wohnen. Einziger Kritikpunkt: Der Umfang von drei Stunden reiche nicht aus, vor allem bei längeren Aufenthalten. Zudem seien Privatversicherte vom Projekt ausgeschlossen.
Abwehr beim Wort Demenz
Auch Markus Göttel vom Betreuungsdienst Alltagshilfe4you spricht von einem „super Projekt“. „Das Wichtigste ist, dass eine vertraute Person dabei ist, die weiß, wie jemand tickt. Manche vertragen es zum Beispiel nicht, wenn man laut oder auffordernd spricht. Menschen mit Demenz wollen oft einfach nur wahrgenommen werden und von ihrer Vergangenheit erzählen. Wir können zuhören, mit ihnen raus gehen oder zuhause Kleidung besorgen.“ Rund 70 Pflegebedürftige konnte er für das Projekt gewinnen. Doch nicht alle ließen sich überzeugen – trotz kognitiver Einschränkungen. „Bei manchen kommt sofort Abwehr, wenn das Wort Demenz fällt. Hier muss man sehr sensibel vorgehen.“ Die Patienten, die begleitet wurden, seien sehr dankbar und dem Krankenhauspersonal gegenüber viel offener gewesen.
SEBDem
Das Projekt SEBDem steht für den „Sektorenübergreifenden Einsatz gewohnter Betreuungskräfte für Demenzkranke“. Es handelt sich um ein Modellprojekt im Saarland, das die Betreuung von Menschen mit Demenz während eines Krankenhausaufenthalts verbessern und dadurch die Patientensicherheit erhöhen soll. Das Projekt wird vom Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft (iso) wissenschaftlich begleitet und durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) finanziert. Es läuft von 2023 bis Mitte 2027. Beteiligt sind der Caritasverband für die Diözese Trier, die saarländischen Akut-Krankenhäuser, rund 40 Pflegedienste, die saarländische Pflegegesellschaft und weitere Partner. Die Betreuung umfasst einen Umfang von drei Stunden. Anspruchsberechtigt sind Pflegebedürftige ab 65 Jahren und Pflegegrad 1, die zuhause leben und an einer Demenz oder kognitiven Einschränkungen leiden. Interessierte können sich an ihren Pflegedienst oder Dr. Sabine Kirchen-Peters vom iso-Institut wenden unter Telefon (0681) 954240.

