Kategorie Ortsverband Oberwürzbach

„Der Tod verträgt keine Hektik“

Von: Maria Wimmer

Wie bereitet man sich auf den Tod vor? Was brauchen sterbende Menschen? Darum ging es in einem „Letzte-Hilfe-Kurs“, zu dem der VdK-Ortsverband Oberwürzbach eingeladen hat.

Ein alter Mann liegt in einem Bett in einem Krankenhaus oder Pflegeheim, eine Frau sitzt am Bett und hält seine Hand.
Wie können Angehörige sterbende Menschen unterstützen? Das ist ein Thema in der letzten Hilfe. © I-Stock

„Ruf meinen Bruder an“, bittet eine Frau im Sterbebett. „Sie hat gespürt, dass er sie nicht loslässt“, erzählt die Angehörige. Eine andere berichtet, dass eine Frau erst einen Konflikt mit ihrer Tochter klären musste, bevor sie gehen konnte. Eine weitere Teilnehmerin erzählt, dass ihre Mutter sich Vorwürfe machte, weil sie zu spät kam und ihren Mann im Moment des Ablebens nicht begleiten konnte. Loslassen ist ein wichtiges Thema im „Letzte-Hilfe-Kurs“, zu dem der VdK-Ortsverband Oberwürzbach im August eingeladen hatte. 

Doch es geht auch um die Frage, wann das Sterben eigentlich beginnt. Und was Angehörige tun können, um sich nicht so hilflos fühlen. Erste Anzeichen für den Beginn des Sterbeprozesses seien zunehmende Schwäche und Müdigkeit, vermehrte Bettlägerigkeit, weniger Nahrungsaufnahme und der Verlust des Interesses an sozialen Aktivitäten, weil „alles zu viel wird“, erklärt Stephanie Rung, die den Kurs zusammen mit Gabriele John-Neumann im Namen des Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes Saarpfalz hält. 

Umso wichtiger sei es, rechtzeitig und offen anzusprechen, welche Sterbebegleitung gewünscht ist, und medizinische Wünsche in einer Patientenverfügung festzuhalten. Manchen falle es leichter, mit Außenstehenden oder guten Freunden darüber zu sprechen als mit den engsten Angehörigen. Diese könnten eine passende Gelegenheit nutzen, wie zum Beispiel die Beerdigung eines Nachbarn. Aber auch Schweigen und Verdrängung sollten respektiert werden, betont Gabriele John-Neumann. Denn Sterbebegleitung sei wie ein Mantel und keine Zwangsjacke. So geht die Palliativbewegung auf das lateinische Wort „pallium“ zurück, das übersetzt „Mantel“ bedeutet. Ziel ist die Erhaltung der Lebensqualität am Lebensende durch das Lindern von Schmerzen und Ängsten. 

Natürliches Fasten

Der Sterbeprozess selbst folgt einem natürlichen biologischen Programm, bei dem der Organismus schrittweise abbaut, wie Stephanie Rung erläutert. Die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme reduziert sich, Betroffene schlafen viel und verlangen selbst bei großer Hitze oft nichts zu trinken. Da Nahrung den Organismus jetzt nur unnötig belasten würde, sollten Sterbende niemals zum Essen gezwungen werden – der Körper brauche jetzt absolute Ruhe. Durch das Fasten werden körpereigene Endorphine ausgeschüttet, die Unruhe und Atemnot lindern und dadurch dem Körper helfen, den Sterbeprozess besser zu bewältigen. „Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen und zu trinken – sondern man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt“, macht Rung deutlich. 

Ein weiteres Missverständnis betrifft das Verdursten: Sterbende litten in der finalen Phase meist nicht unter Durst, sondern extremer Mundtrockenheit, da häufig durch den Mund geatmet wird und die Schleimhäute rasch austrocknen. Angehörige können hier unterstützen, indem sie den Mund mit Stäbchen befeuchten, die mit Wasser oder den Lieblingsgetränken wie Kaffee, Saft oder Tee getränkt sind. Neben der Mundpflege können eine andere Lagerung, frische Luft, das Kühlen des Gesichts, das Einreiben mit pflegenden Ölen oder eine Massage der Finger den Sterbenden Linderung verschaffen. „In der Sterbebegleitung machen die Angehörigen meist intuitiv alles richtig, indem sie einfach nur da sind“, sagt Rung. Gleichzeitig appelliert sie an die Selbstfürsorge. „Angehörige kommen oft an ihre Grenzen und vergessen, dass sie Pausen brauchen. Niemand kann rund um die Uhr da sein kann.“

Unruhe und Atemnot

Ein weiteres typisches Verhaltensmuster sei das „Nesteln“. Es zeigt sich durch unruhige Bewegungen wie das Zupfen an der Kleidung bis hin zum Versuch, aus dem Bett zu steigen. „Den Sterbenden wird die Kleidung zu eng, sie sehnen sich nach Freiheit. Symbolisch steht das Nesteln für den Wunsch, die irdische Hülle – das Ehrenkleid – abzulegen“, sagt John-Neumann. Sie plädiert dafür, Sterbende immer ganzheitlich zu betrachten, was im Krankenhausalltag oft zu kurz komme. „Denn hier geht es um einen Menschen und nicht um ‚die Niere von Zimmer 15‘.“

Wenige Tage vor dem Tod komme es häufig zu einem „letzten Aufbäumen“, bei dem Sterbende kurzzeitig unerwartet viel Energie zurückgewinnen und plötzlich wacher wirken, wieder sprechen, etwas essen wollen oder sogar versuchen, aufzustehen. Andere entwickelten etwa drei Tage vor dem Tod eine Art „Reisefieber“, das sich auch durch Medikamente nicht bändigen ließe – ein klares Anzeichen dafür, dass sich der Körper auf den Weg mache. 

Noch deutlicher lässt sich der Sterbeprozess an der Atmung erkennen. Sie wird flacher und unregelmäßiger; Atempausen nehmen zu. Am Schluss kommt es zur sogenannten Rassel-Atmung („Todesrasseln“). Sie entsteht durch die nachlassende Kraft zum Abhusten, lässt sich aber durch eine erhöhte Lagerung und Medikamente wie Buscopan gut lindern, wie Rung erläutert. 

Schmerzen lindern

Schmerzen seien zwar ein Warnsignal des Körpers – Sterbende müssten aber keine Schmerzen erleiden, betont Rung und verweist auf die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV), durch die Betroffene eine passgenaue Bedarfsmedikation erhalten. Die SAPV ermöglicht es schwerstkranken Menschen seit 2007, zuhause palliativmedizinisch und schmerztherapeutisch versorgt zu werden – auch nachts. Voraussetzung ist eine unheilbare, weit fortgeschrittene Krankheit mit begrenzter Lebenserwartung sowie ein komplexes Symptomgeschehen, das nicht durch Hausarzt oder Pflegedienst versorgt werden kann. Bei der Einführung der SAPV war das Saarland bundesweit Vorreiter und ist heute sehr gut aufgestellt, wie Rung betont. Davor seien Menschen häufiger unter qualvollen Schmerzen gestorben.

Statt zuhause zu sterben, wählen manche Betroffene den Aufenthalt in einem stationären Hospiz. „Die Pflegekräfte dort haben Zeit für die Betroffenen, die Atmosphäre ist ruhig. Wenn ein Patient Appetit auf Hoorische hat, wird dies erfüllt, selbst wenn am Ende nur ein einziger Bissen gegessen wird“, sagt John-Neumann. Im Unterschied zum Hospiz kümmert sich die Palliativstation im Krankenhaus darum, Patienten medizinisch zu stabilisieren – etwa durch eine optimierte Schmerztherapie und bessere Lagerung – um diese wieder nach Hause entlassen zu können. 

Rituale und Zuhören

Ist der Tod eingetreten, helfen Rituale wie das Öffnen des Fensters oder das Anzünden einer Kerze. Angehörige sollten sich Zeit lassen, um den Tod zu begreifen. „Der Tod verträgt keine Hektik“, so Gabriele John-Neumann. Im Umgang mit Trauernden komme es vor allem darauf an, geduldig zuzuhören, konkrete Unterstützung anzubieten oder über den Verstorbenen zu sprechen. „Unser stärkstes Werkzeug ist zuhören!“ Nicht empfehlenswert seien Ratschläge, Urteile oder trauernde Menschen unbewusst auszuschließen. Bei Kindern gelte, sie weder auszuschließen noch zu etwas zu zwingen. Wichtig sei es, gewohnte Routinen beizubehalten, da Kinder Erlebtes oft im Spiel verarbeiten, und auf mögliche Schuldgefühle zu achten.

„So ein Kurs ist total wichtig, um den Druck rauszunehmen und besser mit dem Sterben umgehen zu können, das in unserer Generation noch stark tabuisiert wird. Ich konnte vieles nicht deuten und wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte, weil ich vieles nicht verstanden habe. Jetzt kann ich es anders einschätzen, so dass ich nicht mehr so aus der Bahn geworfen werde“, sagt ein Teilnehmer. 

Zum Abschluss stellte Gabriele John-Neumann noch einen „Koffer für die letzte Reise“ vor. Hinter dem Kunstprojekt des Trauerbegleiters Fritz Roth steht die Idee, sich damit zu beschäftigen, was man auf „die letzte Reise“ mitnehmen würde, was einem wichtig ist und worauf man gerne zurückblickt. 

Letzte Hilfe

Die Letzte Hilfe geht unter anderem auf Henri Dunant zurück, dem Gründer des Rotes Kreuzes, der auf dem Schlachtfeld von Solferino 1859 nicht nur Erste Hilfe leistete, indem er Verwundete versorgte, sondern auch letzte Hilfe, indem er Schwerstverletzte beim Sterben begleitete. Die Idee des Letzten-Hilfe-Kurses hatte der Palliativmediziner Georg Bollig. Die Kurse werden seit 2015 in Deutschland angeboten und vermitteln in vier Stunden Basiswissen für die Begleitung von sterbenden Menschen. Der Kurs ist in vier Module unterteilt: Sterben als Teil des Lebens, Vorsorgen & Entscheiden, Leiden lindern und Abschied nehmen. Im Saarland werden die Kurse von Hospizvereinen oder Palliativdiensten angeboten. Eine Übersicht findet sich auf der Internetseite:  Externer Link:www.letztehilfe.info/kurse/