„Hier lebt man Inklusion“
Inklusion ist Teil der Vereinskultur im Judo. Kinder mit Behinderungen sind im Judoverein Wallerfangen willkommen. Trainerin ist die VdK-Orts- und Kreisvorsitzende Claudia Menges.

Max packt mit der Hand die Ärmel seines „Gegners“. Mit einem energischen Schritt setzt er seinen Fuß seitlich am Gegner vorbei, platziert ihn hinter dessen Bein und bringt ihn schwungvoll zu Fall. Die Übungen erfordern nicht nur Kraft, sondern auch Konzentration und Koordination. Doch im Judo geht es nicht nur um die richtige Technik, sondern auch um Respekt und „gegenseitiges Helfen und Verstehen“. Judo eigne sich für Menschen mit Behinderungen, weil „es den Menschen ganzheitlich erfasst und Methoden ausgebildet hat, „die alles unterlassen, was zusätzlich schädigend oder störend wirken kann“, so der Deutsche Judo-Bund.
Klare Regeln
Max liebt das Judotraining, weil er sich hier angenommen und wohl fühlt und sein kann, wie er ist. „Montag und Mittwoch sind bei uns heilig“, sagt die Mutter des Neunjährigen, der an einer Entwicklungsverzögerung und Inkontinenz leidet. Sie ist froh, dass sie den Judoverein gefunden hat. „Ich kann Max hierlassen, ohne mir Sorgen machen zu müssen, weil ich weiß, dass hier alles gut läuft. Wenn es Probleme gibt, wird das sofort und auf Augenhöhe geklärt. Es gibt klare Regeln und kein Mobbing. Ich vertraue der Trainerin voll. Hier lebt man Inklusion. Es wird einem leicht gemacht.“
In einem anderen Sportverein war es für Max schwieriger. Obwohl er bei jedem Training dabei war, wurde er ausgegrenzt. „Es war sehr leistungsorientiert. Da war kein Platz für ein Kind, das nur rennen und spielen will“, sagt seine Mutter, die sich mehr Sensibilität und Empathie für Kinder mit Behinderungen wünscht. Durch den Sport habe Max ein besseres Selbstwertgefühl, weil seine Stärken im Fokus stehen und er Teil einer Gruppe ist.
Die Trainerin ist Claudia Menges, Vorsitzende des Judovereins, des VdK-Ortsverbandes Wallerfangen sowie des VdK-Kreisverbandes Saarlouis. „Inklusion ist für uns kein Thema, das ist Teil unserer Vereinskultur und für uns selbstverständlich. Es gehört zur Philosophie des Judos, dass jeder mit jedem trainiert und man Rücksicht auf Schwächere nimmt. Ganz nach dem Motto: Es gibt keine Verlierer, Dabeisein ist alles“, sagt Claudia Menges. Der gegenseitige Respekt im Judo drücke sich in den Fallübungen dadurch aus, dass man beim Werfen darauf achte, dass der Partner sicher landet.
Mehr Selbstbewusstsein
Auch Jannes liebt das Judotraining. Der 5-Jährige hat Aniridie, eine seltene Augenerkrankung, bei der die Iris fehlt und damit auch die Funktion, Licht filtern und räumlich sehen zu können. Sein Sehvermögen beträgt nur etwa zehn Prozent und Jannes muss eine getönte Brille tragen, um nicht geblendet zu werden. „Viele Sportarten sind für ihn zu schnell oder bergen ein zu hohes Verletzungsrisiko“, sagt seine Mutter Jessi. Im Judo kommt er jedoch gut zurecht. „Jannes geht sehr gerne hin und übt auch viel zuhause. Es macht ihn stolz und gibt ihm Selbstbewusstsein, weil er merkt, dass er etwas gut kann, ohne Defizite gegenüber den anderen Kindern zu haben. Die Trainer haben sehr viel Feingefühl und zeigen ihm Übungen aus der Nähe, damit Jannes alles gut wahrnehmen kann. Wenn die Kinder fangen spielen, nimmt ihn Claudia an die Hand. Inklusion klappt dort so gut, dass man sie gar nicht merkt. Die größeren nehmen ganz viel Rücksicht auf die kleineren, das ist zauberhaft“, sagt seine Mutter.
Auch der 7-jährige Lino Dauch Bravo, der an einer seltenen Sehbehinderung leidet, ist seit etwa einem Jahr dabei und fühlt sich wohl im Verein. „Er ist Teil einer Gemeinschaft und wird akzeptiert, wie er ist. Die anderen Kinder freuen sich darauf, ihm zu helfen und etwas beizubringen, denn Lino ist ehrgeizig, er möchte etwas erreichen. Die Trainer sind herzlich, liebevoll und hilfsbereit und zeigen Mitgefühl und Geduld“, sagt seine Mutter Simone Dauch Bravo.
Ängste überwinden
In einem anderen Verein sei das schwieriger gewesen, zudem hätten die Kinder dort nichts von der Sehbehinderung gewusst. Im Judoverein Wallerfangen wird das offen kommuniziert. Denn Linos Sehfeld ist stark eingeschränkt: Er kann nur bei sehr hellem Licht starke Kontraste erkennen, so dass er im Alltag mit einem Blindenstock und einer Stirnlampe unterwegs ist. Darum müssen seine Trainingspartner ihm verbal mitteilen, wo sie stehen. „Da alle Kinder einen weißen Judoanzug tragen, kann Lino seine Freunde nicht erkennen, sondern er muss ihre Namen hören“, erklärt seine Mutter. Ende März hat Lino seinen ersten Wettbewerb, das „Osterhasenturnier“ in Schmelz, angetreten und den dritten Platz erreicht. Wegen seiner Sehbehinderung wurden die Regeln leicht angepasst, der Kampf startete nicht auf Distanz, sondern direkt im Kontakt. „Das war für Lino eine große Herausforderung, da die Halle sehr dunkel war und er seine Ängste überwinden musste. Aber er hat sich jedes Mal verbessert und den dritten von drei Kämpfen gewonnen. Wir sind sehr stolz und er freut sich schon auf das nächste Turnier.“