Wege aus der Medikamentenfalle
Pflegeheimbewohner im Saarland erhalten überdurchschnittlich viele Beruhigungsmittel, die ein Delir begünstigen können. Beim Demenz-Kongress in Saarlouis ging es um Medikation, die Erkennung eines Delirs und alternative Wohnformen.

Jeder sechste Pflegeheimbewohner im Saarland erhält dauerhaft Beruhigungs- oder Schlafmittel – damit hält das Land einen bundesweiten Spitzenplatz. Das zeigen aktuelle Daten des WIdOkurz fürWissenschaftliches Institut der AOK-Qualitätsatlas Pflege 2023, dem Wissenschaftlichen Institut der AOK. Demnach erhalten 15,88 Prozent der saarländischen Heimbewohner eine solche Dauerverordnung – weit mehr als das Doppelte des Bundesdurchschnitts mit knapp acht Prozent. Zudem liegt die Quote von Antipsychotika bei besorgniserregenden 9,55 Prozent.
Dieser Einsatz ist nicht ohne Risiko, wie Natalie Albert vom Caritasverband für die Diözese Münster in ihrem Vortrag „Pillenlos statt willenlos“ beim Demenzkongress im Theater am Ring in Saarlouis Ende September deutlich machte. Da die Mittel das Bewusstsein massiv dämpfen, steige das Sturzrisiko und die Kommunikationsfähigkeit werde beeinträchtigt. Antipsychotika seien zudem bei Demenz wirkungslos und dienten oft nur der Ruhigstellung.
Haltungswechsel
Die frühere Altenpflegerin plädierte für einen Haltungswechsel: Statt unruhiges oder abweichendes Verhalten pauschal als „herausfordernd“ zu stigmatisieren und medikamentös zu unterdrücken, müsse die Suche nach der eigentlichen Ursache an erster Stelle stehen. Denn rund 80 Prozent dieser Reaktionen gingen auf unerkannte Schmerzen zurück. Wann eine Verhaltensweise im Alltag überhaupt als störend bewertet werde, hänge stark davon ab, ob Arbeitsabläufe im Vordergrund stünden oder die Bedürfnisse der Bewohner. Aggressives Verhalten bringe den Stationsalltag weitaus mehr durcheinander als „stille“ Apathie.
Solche Verhaltensauffälligkeiten werden häufig durch körperliche Probleme wie Infekte oder Flüssigkeitsmangel ausgelöst, was zu schmerzhaften Muskelkrämpfen sowie akuter Verwirrung führen kann. Ebenso können Arzneimittelnebenwirkungen der Auslöser sein: So rufen Cholesterinsenker häufig Krämpfe hervor.
Dass ein Verzicht auf Psychopharmaka selbst bei schweren Verhaltensauffälligkeiten in der Praxis gelingen kann, zeigt laut Albert das bundesweite Musterbeispiel des Resi-Stemmler-Hauses in Euskirchen. Dort stehen die individuelle Biographie und die Bedürfnisse der Bewohner im Vordergrund. Verhalten wird dort konsequent als Kommunikation verstanden: Nächtliche Unruhe wird nicht mit Schlafmitteln betäubt, sondern oft als Hunger erkannt und ein Snack angeboten.
Der entscheidende Punkt in der Praxis ist die Abgrenzung zwischen herausforderndem Verhalten und einem akuten Delir, das als medizinischer Notfall eingestuft werden muss. Jedoch wird das Delir im Pflegealltag oft übersehen und als Demenzsymptom verkannt, unterstrich Dr. med. Karlheinz Schöll, Chefarzt der Geriatrie am Caritas-Klinikum Saarbrücken. Auch er betonte, wie wichtig es sei, die Ursache für das Delir zu finden.
Bei der Diagnose gibt es demnach eine hohe Dunkelziffer: Ärzte erkennen es im Schnitt nur zu 20 Prozent, das Pflegepersonal immerhin zu 50 Prozent, so Schöll. Zu den Symptomen zählen Bewusstseinsveränderungen, extreme Unaufmerksamkeit, Desorientierung, Halluzinationen, Schlafstörungen und eine auffällige Sprache.
Hohes Sterberisiko
Die Folgen sind erheblich: Das Sterberisiko im Krankenhaus ist bei einem Delir laut dem Altersmediziner um das Zehnfache erhöht. Zudem steigt das Risiko für im Krankenhaus erworbene Komplikationen um das 3- bis 5-Fache. Selbst bis zu zwei Jahre nach der Entlassung bleibe das Sterberisiko hoch. Schöll appellierte, Delir-Patienten nicht hintenanzustellen, da sich dahinter eine schwere Erkrankung verbergen könne, die zum Tod führen kann.
Die Ursachen für ein Delir sind vielfältig. Im Gehirn kann es durch Tumore oder ein akutes Ungleichgewicht der körpereigenen Botenstoffe wie Serotonin oder Dopamin ausgelöst werden. Typische organische Auslöser sind akute Infektionen wie Lungenentzündungen, schwerer Sauerstoffmangel im Gehirn bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen, ausgeprägte Dehydration, Operationen und Vollnarkosen sowie der abrupte Entzug von Alkohol oder Beruhigungsmitteln. Da auch viele Standardmedikamente kaum Vorteile bringen, aber das Delir-Risiko massiv erhöhen – darunter Psychopharmaka, Schmerzmittel oder verbreitete Magenschutz-Tabletten wie Pantoprazol –, gelte bei der Behandlung der Grundsatz: „Erst mal weglassen!“
Welche Herausforderungen in der Pflege zu bewältigen sind, verdeutlichte Dr. Leslie Horak-Mathieu, stellvertretende Leiterin des Referates Konzertierte Aktion Pflege im Gesundheitsministerium. Weil immer mehr Babyboomer den Arbeitsmarkt verlassen, übersteigen die Renteneintritte die Berufseintritte massiv, was den akuten Personalmangel dramatisch verschärft. Gleichzeitig erreichte 2024 der geburtenstärkste Jahrgang das 60. Lebensjahr – was im Jahr 2044 zu einer großen Welle an 80-Jährigen führen wird.
Mit 86 Prozent wird die Mehrheit der Pflegebedürftigen jedoch zuhause gepflegt. Dem Wegfall familiärer Unterstützung will das Land mit dem Programm Saar66 begegnen. Menschen mit Pflegebedarf sollen kurzfristig durch eine Ausweitung des Ehrenamts unterstützt werden. Langfristig soll die Pflegeinfrastruktur in Städten und Gemeinden in „sorgende Gemeinschaften“ (Caring Communities) verwandelt werden, in denen eine gezielte Quartiersentwicklung bestehende Lücken bei den ehrenamtlichen Strukturen schließt.
Mehr Senioren-WGs
Wichtig seien zudem der Ausbau alternativer Wohnformen und innovativer Projekte wie Demenz-Bauernhöfe, wo Demenzkranke durch alltägliche Aufgaben wie Stallarbeit oder Eiersammeln wieder Verantwortung übernehmen.
Auch wenn es im Saarland abgesehen von der EWA-Senioren-WG in Merzig noch kaum WG-Angebote gibt, so tut sich doch etwas: So ist in Dudweiler im März eine ambulant betreute WG für 12 pflegebedürfte Senioren eröffnet worden. Im Sommer soll in Tholey eine stationäre Senioren-Pflege mit WG-Charakter für 55 Personen an den Start gehen. Und in Saarbrücken entstehen im ehemaligen C&A-Gebäude 160 Einheiten für betreutes Wohnen, während in St. Wendel barrierefreie Tiny-Häuser geplant sind.